„Siehe, ich mache alles neu!“

Ostergedanken 2026

„Siehe, ich mache alles neu!“ Die Jahreslosung 2026 ist eine österliche! Im Buch der Offenbarung, ganz am Ende der Bibel, wird ein neuer Himmel und eine neue Erde verheißen! Unser Blick wird gewendet weg von Leid, von Geschrei, von Schmerz, von Tod und Tränen hin zu einem Leben in, mit und bei Gott. Seit unserer Jahrestagung 2019 im Kloster Helfta besitze ich ein „Wendekreuz“ – so jedenfalls nenne ich es gerne – aus dem dortigen Klosterladen. Auf der einen Seite zeigt es den gekreuzigten Christus mit einer überdimensionalen Dornenkrone den schmachvollen Tod sterben – umrahmt von den Symbolen der vier Evangelisten. Auf der anderen Seite ist das bloße Kreuz alleine zu sehen, nur die Maserung des Holzes ist sichtbar.

Die eine Seite die Karfreitags-Ansicht, die andere Seite -so kann man es deuten- die Oster-Ansicht. In den Kindergärten meiner Gemeinde jedenfalls benutze ich dieses Kreuz sehr gerne, um die Wende deutlich zu machen zwischen Karfreitag und Ostern, zwischen Tod und Leben, zwischen Kreuzigung und Auferstehung: Das Kreuz einmal umgewendet, und der Leichnam ist nicht mehr da, wie durch ein Wunder entschwunden vor unseren Augen – wohin? Ins Grab gelegt natürlich zuerst, doch wir wissen, wir glauben: Das Grab war leer am dritten Tage.

Für die Kinder ein eindrücklicher Moment, diese Kreuzeswende: der Tod wird nicht mehr sein!

„Ausgang und Eingang, Anfang und Ende, liegen bei dir, Herr, füll du uns die Hände.“ Unsere diesjährige Jahrestagung in Himmerod – auch eine zwischen Abschied und Neuanfang, auch eine am Ende gewiss österliche Tagung: „Abschiedlich leben“, „wechselnde Pfade“, „Kirche neu denken“, „Ein Mönch stirbt nie allein“ – Schlagworte aus dem Programm und der Ankündigung.

Gott hat uns keinen Weg am Leid vorbei versprochen, aber er sagt uns zu, mitten im Leid, im Schmerz, im Abschied, im Wandel der Zeiten bei uns und bei seiner Kirche zu sein. In seinem Sohn Jesus Christus ist er diesen Weg mitgegangen bis in die dunkelsten Tiefen hinab – um jedoch am Ende strahlend den Sieg über alle feindlichen Mächte zu verkünden: „Siehe, ich mache alles neu!“

Vielleicht drückt das Bronzekreuz aus Helfta diesen Ausblick auf die österliche Wende auch schon auf seiner Karfreitags-Seite mit aus: Je nach künstlerischer Interpretation -und die Tradition hat ja eine Vielzahl von Kruzifix-Typen hervorgebracht- mag man in dem gekreuzigten Christus auch den segnenden Christus sehen, der womöglich nicht von einer Dornenkrone umschlungen ist, sondern siegreich aus der dunklen Grabhöhle hervortritt!? Tod und Auferstehung dann in einem Bild, auf einer Schauseite schon miteinander verbunden, und die Evangelisten verkünden dies, wie auch unsere katholischen Schwestern und Brüder im eucharistischen Hochgebet im Rückgriff auf 1. Korinther 11, 26 akklamieren: „Geheimnis des Glaubens. Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“

Aber noch einmal zurück in unseren Lebensalltag: Ostern, Auferstehung, Wendezeit ereignet sich in Vielem: im wundersamen Sprießen der Natur jetzt im Frühling im Gegenüber zum Welken der Blätter im Herbst; in einem verzweifelten Menschen, der wieder neuen Lebensmut schöpft; im Arbeitslosen, der, den Sinn seines Daseins langsam verlierend, wieder eine erfüllende Tätigkeit findet; im Partnerlosen, der, von der Traurigkeit über sein Verlassen- oder Alleinsein bald aufgezehrt, wieder einen Menschen an seiner Seite findet; im Kranken, der, von der Sorge um seine Gesundheit oder gar sein Leben ganz zermürbt, wieder Heilung erfährt. Wir alle kennen unsere ganz persönlichen Auferstehungsgeschichten. – Gott sei Dank! Und ja, auch das geistliche Leben an unseren Zisterzienser-Erbestätten, das mancherorts wenn auch nur kleine Aufblühen an ehemals bedeutenden und heute so nicht mehr existierenden Klosterorten singt von Ostern!

Aber Ostern, Auferstehung, Wendezeit ist für mich am Ende immer noch mehr: Es ist Gottes Handeln gerade auch dann, wenn keine Auferstehung in das frische, neue, schöne, pralle Leben dieser Welt hinein mehr passiert. Es ist Gottes durchhaltende Liebe zu uns, wenn wir am Ende unseres Lebens in den leibhaftigen Tod gehen, vom irdischen Leben womöglich eher gezeichnet als noch fröhlich erweckt. Auch und erst recht dann wird Gott eingreifen, nach uns greifen, das Blatt wenden, unser Kreuz wenden, uns leben lassen auf immer in seinem Reich der Himmel. In keinem anderen Moment mehr als genau dann vertraue ich darauf, dass Gott spricht: „Siehe, ich mache alles neu!“
Vielerlei gewendete Zeiten in das Leben hinein wünsche ich Ihnen!

Ihr Gernot Fleischer
Pfarrer in Steinau an der Straße
(ehemals in Himmelpfort)