Aus der Mitte des Kreuzes tritt der Segnende Christus hervor
Der fränkische Künstlerpfarrer Martin Zorn († 1995) hat ein Kreuz aus Metall gefertigt, in dessen Mitte nicht der Gekreuzigte, sondern der Auferstandene als „Segnender Christus“ zu sehen ist.
Wir sind das Kreuz mit dem Corpus Christi gewohnt, das an sein Leiden und Sterben erinnert. Die christliche Kunst hat Jahrhunderte hindurch von dieser Darstellung Gebrauch gemacht, das Heilsgeschehen Gottes mit den Menschen uns vor Augen zu stellen. In den verschiedenen Kunstepochen hat es seine jeweilige Ausdrucksform gefunden. Das Kreuz ist zum Zeichen des Christentums geworden.
Der Mensch von heute kann mit diesem Bild vielfach nichts mehr anfangen. Er meint, das grausame Geschehen am Karfreitag in Jerusalem und seine Darstellungen könne modernen Menschen nicht mehr zugemutet werden. Hätte Gott nicht ein anderes Geschehen im Leben Jesu zum Vermitteln seines Heiles verwenden können, etwa das Kind in der Krippe? Statt Kreuz die Krippe. An Weihnachten sind die Menschen in der ganzen Welt erfüllt von der Botschaft des Engels, das zeigen uns die vollen Kirchen. Mit dem Karfreitag ist das anders. Wir haben genug von den grausamen Bildern leidender Menschen, die uns täglich von den Medien ins Haus geliefert werden.
Die Gemeinschaft Evangelischer Zisterzienser-Erben in Deutschland hat das Kreuz als ihr Signet angenommen. Unter dem Gekreuzigten knien die beiden Kreuzestheologen Bernhard von Clairvaux und Martin Luther. Der Gekreuzigte löst sich vom Kreuz und umarmt beide. So sieht der Künstler Werner Franzen sein um 1975 geschaffenes Werk. Das Original der Bronzeplastik ist im Altenberger Dom und eine Kopie in der Klosterkirche zu Loccum zu finden.
Vorbild der beiden Kreuzestheologen war der Apostel Paulus, der im 1. Korintherbrief (2,2) und im Galaterbrief (6,14 mit 3,1) das Grundsätzliche der christlichen Heilsbotschaft ausspricht. Bernhard von Clairvaux hat sich in seiner 43. Ansprache zum Hohen Lied diese Gedanken zu eigen gemacht. Seine Kreuzesmystik hat die zisterziensische Theologie geprägt. Bernhard wird als Begründer der mittelalterlichen Kreuzesmystik verstanden. Sie begegnet uns heute in Paul Gerhardts „O Haupt voll Blut und Wunden“ (EG 85). Über Martin Luther, der ein eifriger Leser der Schriften Bernhards war und immer wieder auf Bernhard aufmerksam machte, äußerte sich Hanns Lilje: „Luther hat zeitlebens nur eine Theologie gehabt, die theologia crucis.“
In der Passionszeit besonders und auch sonst steht uns das Kreuz Christi vor Augen, wie es die Künstler zu allen Zeiten gestaltet haben. Ostern tritt der Auferstandene und Segnende Christus an Stelle des Gekreuzigten „herfür“ (EG 85,9). Beides, das Leiden am Kreuz und seine Überwindung durch Ostern, begleiten uns.
Auf die Sonntagsblatt-Umfrage „Was bedeutet Ihnen Ihr Schmuck-Kreuz?“ antwortete die 1990 in der Ukraine geborene Sopranistin Maryna Zubko, Ulm: „Ich trage das Kreuz nicht als Schmuck, sondern als Symbol meines Glaubens, als Zeichen der Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Mein Kreuz erinnert mich daran, welchen Preis Jesus für mich, für uns bezahlt hat. Es motiviert mich, mein Leben gerecht, mit Liebe und Geduld zu gestalten. Das Tragen des Kreuzes ist mein Gebet ohne Worte, mein Schutz und mein sichtbares Zeugnis von Gottes Liebe in mir“ (Sobl. f. Bay., 8. Febr. 2026).
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Fasten- und Passionszeit.
Paul Geißendörfer
Pfarrer i. R.
Foto: Markus Geißendörfer


