Seht auf und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht.
Lukas 21,28
Meditation eines lutherischen Weihnachtsliedes
Mit dem Aufsehen ist das ganz elementar, täglich im Advent und an Weihnachten zumal: jeden Morgen, Mittag und Abend, geistlicher Advents- und Weihnachtssport bitte: Aufsehen, den Kopf vom Schreibtisch erheben, von der Arbeit erheben, aus der Erschöpfung der Flut anstrengender Nachrichten heraus, von Unfriede, von fortwährendem Krieg und Konflikt, von unklaren ökonomischen Aussichten aufsehen, womöglich auch aus den Chorstühlen und Chorbänken bei dem täglichen Gebet heraus in die weihnachtliche Weite hinein.
Es sich für dieses Jahr vom Evangelisten Lukas einmal wirklich gesagt sein lassen, von seiner Weihnachtsgeschichte, aber auch dem, was er später notiert: „Seht auf, erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht.“ Sich von Lukas gesagt sein lassen: Seht, das führt Euch diese einmalige Geschichte des Jesus von Nazareth, in dem Gott Mensch wurde, vor Augen. Seht auf von den mehr oder weniger mäßig berauschenden Nachrichten über die Kirchen, von den Jahresabschlussarbeiten, ja auch den Fluten der Weihnachtsgrüße, die ihr womöglich verfassen wollt, oder die Euch erreichen: seht endlich auf, aus den Tiefen der immer noch unerledigten Aufgaben, seht auf auch von so mancher höchst persönlicher Plage, die Euch quält und den Nachtschlaf raubt. So Aufsehen erregen … in Euch selbst, durch Aufsehen zu Neuem und Anderem erregt werden.
Nur das Unfaire ist: Es ist sicher schon einmal ein ganz leiblicher produktiver Akt, den Kopf zu erheben. Aber diese Erhebung des Leibes allein bringt nicht auf neue und richtige Gedanken, zumal dann, wenn beim Aufsehen eben die Gedanken und der Blick auf eine Welt trifft, die nicht recht weiß, wo ihr der Kopf steht, weil die Probleme, mit denen sie sich konfrontiert sieht, kaum zu bewältigen erscheinen, ein Übermaß an Veränderung, an sozialer, an politischer und kultureller Spannung. Und dann diese merkwürdigen Reaktionen der mehr oder weniger erhobenen Oberhäupter dieser Welt, die grob gesprochen nur dreierlei kennen, in den Modus der Ideen freien Verwaltung, des melancholischen Rückzugs oder exzentrischer Überreaktion zu regieren.
Noch einmal: Das Haupt erheben und auf die Weihnachtsgeschichte sehen. Was kann sich da zeigen? Nun gut: Maria und Josef, das Kind in der Krippe, frohe Hirten, eine Engelschar. Wieso löst das Erlösungsgefühle aus?
Vielleicht hilft ja gut zisterziensisch, und nicht weniger gut evangelisch Einkehr zu halten, und zu singen. Vielleicht hilft ein Blick auf jenes wohl bekanntestes Weihnachtslied Martin Luthers, das zu einer singenden Sehschule zu werden vermag. Die ersten Strophen werden viele im Ohr und vor Augen haben. Aber interessant ist nochmals zu sehen, wo dieses Lied an etwas vorgerückter Stelle allererst auf das Sehen zu sprechen kommt:
„Merk auf, mein Herz, und sieh dorthin! Was liegt dort in dem Krippelein? Wes ist das schöne Kindelein? Es ist das liebe Jesulein.“
Das Lied konfrontiert schlicht mit der Aufforderung mit dem Herz zu sehen. Mit dem Herzen zu sehen, wer es ist, der da in der Krippe liegt. Ein schönes Kind ja, aber nicht irgendein schönes Kind, sondern, wie Luther ganz kindlich dichtet, das schöne Jesulein. Was jedoch macht Jesus schön? Das ist die weihnachtliche Preisfrage. Und darüber gibt die nächste Strophe Auskunft.
„Sei mir willkommen, edler Gast! Den Sünder nicht verschmähet hast und kommst ins Elend her zu mir: Wie soll ich immer danken dir?“
Schön macht Jesus, für uns alle macht ihn schön, dass er über alle zisterziensische Gastfreundschaft hinaus von uns als Sündern, also als Menschen, die an ihrem Leben, dem Leben der anderen und dem Leben Gottes sich schuldig machen, indem sie fortwährend etwas schuldig bleiben, schön Macht Jesus, dass er von uns als solche Menschen willkommen geheißen werden kann, darf und soll. Jesus, ein Gast, der in mein Elend hineinkommt und dort mit mir ausharrt, nun nicht als irgendein besonders bedeutender und humanitär überragender menschlicher Gast, sondern, wie die nächstfolgenden Strophe einprägt, so:
„Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß!“
In Jesus ist Gott als Schöpfer von allen und allem, in die Kargheit dieser Welt eingezogen. Wie erstaunlich das ist, verstärkt, was im Anschluss zu singen ist:
„Und war die Welt vielmal so weit, von Edelstein und Gold bereit‘, so war sie doch dir viel zu klein, zu sein ein enges Wiegelein.“
Eine noch so große unendliche, universale, kostbarst ausgestattet Welt kann nicht mit der Stärke der engen Krippenwiege mithalten, nämlich zum Konzentrationsort zu werden, in dem Gott mit der Armut dieser Welt höchstpersönlich Ernst macht, indem er sich dieser Armut und Kargheit expressiv, ausdrücklich aussetzt.
Das unterstreicht Luther mit einem durchaus eindeutigen Wink gegenüber den fragwürdigen repräsentativen kleidungstechnischen Verpackungen weltlicher und kirchlicher Obrigkeit und lässt wie folgt weitersingen:
„Der Sammet und die Seiden dein, das ist grob Heu und Windelein, darauf du König groß und reich herprangst, als wär’s dein Himmelreich.“
Heu und Windeln, der Samt und die Seide des Jesus Christus, auf den auch die Kirchen dieser Tage zu hören haben. Ein Himmelreich für Heu und Windeln. Es wird Zeit im wahrsten Sinne des Wortes klösterlich-klarer zu werden! Und wer es bis dahin nicht begriffen hat, dessen Herz und Sinn sollte beim Weitersingen ein Licht aufgehen:
„Das hat also gefallen dir, die Wahrheit anzuzeigen mir, wie aller Welt Macht, Ehr und Gut vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.“
Vor Gott gelten die weltförmigen Repräsentations- und Bedeutsamkeitsdokumentationen mit einem Wort NICHTS. Das ist die Weihnachtswahrheit, die die Weihnachtsgeschichte anzeigt – vielleicht ja eine sehr eindeutige Anzeige für triftige Kirchenreformen dies.
Denn, um auf die Frage zurückzukommen, wie es denn zu einem erhebenden weihnachtlichen Sehakt kommen kann, erfolgt nun eine wuchtige Inversion der Ortsangabe, für ein Weihnachtsgeschehen, was sehend bei uns anzukommen vermag:
„Ach! mein herzliebes Jesulein, mach dir ein rein sanft Bettelein, zu ruh’n in meines Herzen Schrein, dass ich nimmer vergesse dein.“
Es bleibt nichts, als eine weihnachtliche Bitte. An der Kraft einer weihnachtlichen Bitte entscheidet sich, ob das Aufsehen eine fromme Farce bleibt, oder Wahrheit wird: Weihnachtlich bitten, weihnachtlich beten lernen. Komm Gott, komm Jesus und mach mein Herz zu dem Ort Deiner Einkehr. Sorge Du selbst dafür, dass ich Dich sehe und vor Augen habe in mir. Ausdrücklich ein Schrein soll dabei das Herz werden … Der Schrein? Na ja, das könnte im ersten Moment tückisch klingen: Das mögen feine Christenmenschen sein, die ihr Herz zu einem Schrein, einem Sarkophag für die Gebeine machen wollen, zu einem göttlichen Reliquienschrein am Ende, für die tapfer Glaubenden, die einem toten und totgesagten Gott ihr Herz zur letzten Ruhestätte machen. Aber Schrein, das ist ein Behältnis, eine Lade, einst in Israel die Bundeslade, der Einwohnungsort Gottes also. So ist das gemeint. Und wenn es wirklich so kommt, dann geschieht folgendes:
„Davon ich allzeit fröhlich sei, zu springen, singen immer frei das rechte Susaninne schön, mit Herzenslust den süßen Ton.“
Springen und fortwährend singen, frei singen, Psalmodien singen, am Morgen, am Mittag, am Abend und in der Nacht. Das weihnachtliche Susaninne, also das zärtlich einlullende Singen einer Mutter oder Amme zur Nacht. Mit dem Herzen singen und sehen folglich, auf die Auferstehung dieser Welt hin, auf die wir mit guten Gründen so dringend warten. So die Abgründe dieser Welt, den Heiland und uns selbst in einen endlich gerechten Schlaf singen, um dann aufzusehen und das Haupt zu erheben auf das einzige und einmalige Neuwerden, das Neujahr, dass Gott in Jesus Christus mit Weihnachten verheißt:
„Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen eingen Sohn. Des freuen sich der Engel Schar‘ und singen uns solch neues Jahr.“
Dr. Stephan Schaede
Abt des Klosters Amelungsborn


