Leben in der Gegenwart
Die meisten alten Menschen, wie ich, langweilen sich manchmal selbst – womit ich meine, dass wir uns immer wieder an dieselben Gedanken, Taten und vor allem Ansichten erinnern. In unserem Gedächtnis, „dem Ort, an dem Verfall und Ausschmückung ineinandergreifen“, leben unsere Gedanken (allzu)oft in der Vergangenheit. Aber kein Mensch kann von Erinnerungen leben! Und wer rückwärtsgewandt nur im Gestern steckt, wird vor den Aufgaben, die die Gegenwart stellt, versagen.
Die Kirche kann erst recht nicht von Erinnerungen leben. Museum statt Gemeinde des Auferstandenen Jesus Christus? Nein danke. Die Kirche braucht es aber auch nicht, von Erinnerungen zu leben. Die Gemeinde Jesu Christi bewahrt und pflegt nicht das Gedächtnis eines Toten, sondern sie lebt in der Gegenwart des lebendigen Herrn! Christus ist sozusagen vom Erdgeschoss dieser Welt in das Obergeschoss umgezogen; „aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters.“ Seine Zusage aber lautet, bei uns zu sein. Um die Erfüllung dieser Zusage geht es Pfingsten. Nehmen wir uns die zwei Feiertage, um uns darüber zu freuen!
„Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“. So einfach geht das zu, wenn das Unfassliche bei uns Wirklichkeit wird, dass Gott zu uns kommt und bei uns Wohnung nimmt: Christus lieben und sein Wort halten. Das ist der Weg. Christus lieben und ihm anhängen in einer tiefen Verbundenheit und Liebe, um ihn nicht zu verlieren. Michael Müller sagte es so: „Halt dich im Glauben an das Wort, / das fest ist und gewiss“ (EG 73,5). Darum an sein Wort sich halten. „Der zeigt dir einen andern Weg, als du vorher erkannt“ (Strophe 10).
Ich schlage mich oft mit religiösen Fragen und Zweifeln herum, im Alter eher mehr. Statt mich diesem einen und Einfachen zu stellen, Christus lieben und sein Wort halten. Ich möchte mich nicht um seine Zusage bringen, bei mir zu sein. Ich bin also gefordert, heraus-gefordert. „Gott gibt Raum und nimmt uns in die Verantwortung“.
Es fällt auf, dass die Pfingstlieder bis auf wenige Ausnahmen Gebetslieder sind. Das Wort, das Martin Luther mit „Tröster“ übersetzt hat, heißt wörtlich „der Herbeigerufene“ und dann „der Beistand“. Singen, rufen wir diesen Beistand herbei! Verlassen wir uns auf die Zusage des Heiligen Geistes, dann entfällt die Frage, ob das Wort Jesu heute noch gilt.
Dort, wo wir z. B. einen kleinen Schritt auf einen anderen Menschen zugehen, geschieht das Große, dass Gott in unser Leben hineinkommt. Dort, wo wir intensiv um den Frieden in den Kriegsgebieten beten, für die extrem erschöpften Menschen, wächst Gemeinschaft, macht Gott bei uns Wohnung. Wir haben vor den Türen ‚unserer‘ Häuser, Kirchen, Klöster und Dome Menschen genug, an denen wir Liebe zu lernen haben.
Lassen Sie uns durchstarten, Schritte praktischen Gehorsams zu tun. Wir werden erfahren, dass die Zusage Jesu gilt, dass Gott selber bei uns Wohnung macht.
„O Heilger Geist, kehr bei uns ein und lass uns deine Wohnung sein,
o komm, du Herzenssonne.
Du Himmelslicht, lass deinen Schein bei uns und in uns kräftig sein
zu steter Freud und Wonne“ (EG 130,1).
Willkommen in meinem Leben, Jesus Christus.
Johannes 14,21-26
21 Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist’s, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren. 22 Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? 23 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. 24 Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. 25 Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. 26 Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Berthold Ostermann
Familiare des Klosters Amelungsborn
Prädikant a. D.
Klosterkirche St. Marien Amelungsborn
Zwei Ostfenster von Werner Brenneisen (1958)
Fotos: Hartmut Skibbe, Wennigsen


