Aus der "Festschrift zum Jubiläum von Dr. Gunther Nisch"

Sehr geehrter Herr Dr. Nisch, lieber Freund und Bruder, lieber Gunther,
der Chorin-Verein hat mich gebeten, einen kurzen Beitrag anlässlich Deines 85. Geburtstages zu schreiben.
Dies tun zu dürfen ist für mich eine Ehre. Es möge mir erlaubt sein, mich in Form eines persönlichen Briefes an den Jubilar zu wenden. Schon aus der Anrede soll deutlich werden, wie es innerhalb von 25 Jahren stufenweise vom achtungsvollen Sie zum vertrauenden Du gekommen ist.
Im Frühjahr 1993 ging von Heilsbronn aus eine Einladung zu einer Begegnung „Evangelischer Kirchengemeinden, Klöstern, Konventen und Kommunitäten an Zisterzienserkirchen in Deutschland.“ Nach der Grenzöffnung 1989 und der Wiedervereinigung 1990 war es möglich, Kontakt auch zu den im Titel genannten Einrichtungen in den neuen Bundesländern aufzunehmen. In der Einladung hieß es: „Wir wollen über künftige Zusammenarbeit nachdenken, unseren Begegnungen eine geistliche Grundlage und Zielsetzung geben.“
Vom 26. bis 28. April 1993 fand diese 1. Begegnung mit 23 Teilnehmern in Heilsbronn statt. Auffällig war der verhältnismäßig hohe Anteil aus den neuen Bundesländern. Chorin war damals durch Gemeindepfarrer Andreas Lorenz und Dr. Gunter Nisch vertreten.
In den Gesprächen zeigten sich sehr schnell der Wunsch nach Erfahrungsaustausch zwischen Ost und West und der Wille, das überkommene zisterziensische Erbe zu achten und es in der evangelischen Kirche den Menschen unserer Zeit zugänglich zu machen. Beschlossen wurde, sich in Zukunft jährlich kurz nach Ostern jeweils an anderem Ort zu treffen. Daraus entstanden die Jahrestreffen und die „Gemeinschaft evangelischer Zisterzienser-Erben in Deutschland.“

Inhalte der zukünftigen Treffen sollten sein, ich nenne nur einige Stichpunkte: Theologische Arbeit, geistliches Leben, Stundengebet, Erfahrungsaustausch, geöffnete Kirchen, Gästebücher, Gebetswand, Meditationsecke, Literatur, Publikationen, spirituelle Ausrichtung der Kirchenführungen, Fördervereine, Kooperation mit der örtlichen Gastronomie, (Kunst)- Ausstellungen, Informationen für die jeweilige Kirchengemeinde, Umgang mit Gästen und Besuchern, gegenseitige Besuche bei Gemeindefahrten, Kontaktpflege zum Zisterzienserorden u.v.a. Bereits bei diesem 1. Treffen hatte man den Eindruck, daß es an der Zeit war, mit einer solchen Arbeit zu beginnen.

Das Evang.-Luth. Pfarramt Heilsbronn und ich als Gemeindepfarrer wurden gebeten, in Zukunft die notwendigen organisatorischen Arbeiten zu übernehmen, die weiteren Treffen vorzubereiten und dazu einzuladen. Schon nach wenigen Jahren stellte sich heraus, wie sehr die folgenden Treffen ihre Verwurzelung in Heilsbronn und ihre Prägung aus der ersten Begegnung hatten. Das Heilsbronner Treffen war Start, kann als „Pilotprojekt“ und als Ausgang der künftigen Arbeit bezeichnet werden. Du, lieber Gunther, gehörst zur Mannschaft der ersten Stunde. Deine Mitarbeit, Deine guten Beiträge und Gedanken machen sich bis heute in der Stille und Tiefe bemerkbar.

So ist es nicht verwunderlich, daß das 2. Treffen auf Einladung von Pfr. Andreas Lorenz vom 11.-13. April 1994 in Chorin mit 25 Teilnehmern stattgefunden hat. Im Tagungsbericht heißt es: „Das Stundengebet wird zur geistlichen Grundlage der Begegnungen. Es wird von den Brüdern des Bad Doberaner und Amelungsborner Konventes verantwortet und ist seitdem zum wichtigsten Bestandteil der Begegnungen geworden. Durch Dr. Nisch wurde eine beeindruckende Klosterführung geboten.“ So folgten jährlich die Jahrestreffen, heuer das 26. in Kloster Arnsburg in Nordhessen. Bei den meisten konntest Du trotz Deiner fachärztlichen Tätigkeit teilnehmen und zum Teil auch Deine liebe Frau Annemarie.

In den 25 Jahren des Bestehens der „Gemeinschaft“ hast Du Dich stets eingebracht und sie bis heute begleitet. Ich durfte Dich um Rat fragen, er war mir immer wichtig und hilfreich. Beim 8. Treffen 2000 in Doberlug-Kirchhain hast Du eine beachtete Ausstellung zum Thema Zisterzienser im Schloß gezeigt. Ebenso hast Du beim 9. Jahrstreffen 2001 in Heilgengrabe durch Dein fachkundiges Wissen Einblick in die Geschichte des dortigen Klosters gegeben. Beim 16. Treffen 2008 in Medingen hast Du mir von Deiner schweren Erkrankung erzählt und wir waren dankbar für Deine Genesung.
Du hast ganz nebenbei wissenschaftlich zum Kloster Chorin gearbeitet. Ich denke nur an die Bearbeitung von Urkunden der ehemaligen Zisterzienserabtei Chorin aus der „Askanierzeit 1258-1319“ und der „Zeit der brandenburgischen Markgrafen aus dem Hause Hohenzollern 1415-1542“. Schon hier fanden wir zwischen Heilsbronn und Chorin eine gemeinsame Geschichte. Burggraf Friedrich VI. von Nürnberg wurde 1415 auf dem Konstanzer Konzil von Kaiser Sigismund die Markgrafenwürde verliehen und als Friedrich I. zum Kurfürsten und Erzkämmerer des Heiligen Römischen Reiches ernannt, die Belehnung erfolgte 1417 wiederum in Konstanz. Die drei ersten brandenburgischen Kurfürsten Friedrich I., Burggraf zu Nürnberg, Friedrich II., Burggraf zu Nürnberg und Abrecht Achilles, Burggraf zu Nürnberg, fanden in der Hohenzollerngrablege im Heilsbronner Münster ihre letzte Ruhe. Der Heilsbronner Abt war von Kaiser Karl IV. für seinen Sohn, den späteren Kaiser Sigismund, zum Taufpaten gebeten worden.

Theerofen bei Chorin war Dein Refugium, fast eine Einsiedelei, wo Du fernab von dem Berliner Großstadtgeschehen in Ruhe und Abgeschiedenheit Deinen wissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen nachgehen konntest. Die letzten Jahre waren für Dich belastet durch Krankheit und den zunehmenden Beschwerden des Älterwerdens. Trotzdem hast Du mit bewundernswerter Energie gearbeitet und ein beachtliches Lebenswerk geschaffen.

Du hast auch den Fortgang der „Gemeinschaft Evangelischer Zisterzienser-Erben in Deutschland“ erleben bzw. von zu Hause aus mitverfolgen können. Es sind die bis jetzt 26 Jahrstreffen mit einer stabilen Teilnehmerzahl von 100-150 und manchmal noch mehr. Sie haben den Charakter einer durch Deutschland, von Dänemark bis zur Schweiz beweglichen Viertageskommunität angenommen. In ihr treffen sich Frauen und Männer aus reformierten, unierten und lutherischen Kirchen. Durch die Beziehung zu dem Zisterzienserorden ist sie von Bedeutung für die Ökumene. In der „Loccumer Erklärung 2005“ hat die Gemeinschaft ihren theologischen und kirchlichen Standort beschrieben. In ihrer Homepage ist vieles über sie zu erfahren. Obwohl sie keinen offiziellen Status besitzt betrachtet sie sich als ein Arbeitsfeld der Kirche. Fast alle Bischöfe der jeweiligen Landeskirche haben bei den Jahrestreffen im Eröffnungsgottesdienst die Predigt übernommen und so die Anerkennung der Gemeinschaft bekundet.
Du hast mich über die Jahre hinweg an Deinem Arbeiten teilhaben lassen und mir immer wieder Bücher aus Deiner Autorenschaft und Stiche von Zisterzienserklöstern geschenkt. Es war ein gegenseitiges Geben und Schenken ohne Übertreibung, aber verbunden mit spürbarer Freundschaft und Brüderlichkeit.

Vor drei Jahren hat der Kunstverlag Josef Fink ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Kirchen und Klöster der Zisterzienser. Das evangelische Erbe in ökumenischer Nachbarschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz.“ Der Verlag hat mich mit der Herausgabe beauftragt. Meiner Bitte, den Beitrag über Chorin zu schreiben bist Du ohne Zögern nachgekommen, das war mir eine besondere Freude.

Lieber Gunther, wir grüßen Dich und Deine liebe Frau herzlich und wünschen, daß Du Dein Geburtsjubiläum in Freude und Dankbarkeit erleben darfst. Gott segne und behüte Dich im neuen Lebensjahr. Gruß und Dank spreche ich auch für die „Gemeinschaft der Evangelischen Zisterzienser-Erben in Deutschland“ aus, zu deren Werden und Wachsen Du beigetragen hast.
Dein Paul Geißendörfer, Pfr. i.R., Dahlienstraße 30a, 91560 Heilsbronn

Text und Foto aus Festschrift zum Jubiläum von Dr. Gunther Nisch, Chorin Verein