Ansprache zur Baumpflanzung am 24. April 2017 in Heilsbronn

Liebe Schwestern und Brüder, meine Damen und Herren,
nach der Tradition wird beim jährlichen Treffen der Gemeinschaft der Evang. Zisterzienser-Erben
die Graue Französische Renette, ein Zisterzienser-Apfelbaum aus dem Klostergarten Amelungsborn
mitgebracht und der gastgebenden Kirche überreicht - als Zeichen der Verbundenheit miteinander
und untereinander, als Zeichen des Lebens aus Gottes Hand, als Zeichen, das zur Bestellung des
‚Seelengartens‘ anregen soll, wie es Nonnen und Mönche in den Klöstern immer wieder
ausgedrückt haben.
Im Jahr des Reformationsgedenkens will ich erinnern an ein Wort aus einer Predigt Martin Luthers
von 1531, das ich schon einmal bei einer Baumpflanzung erwähnt habe:
‚Wenn du im Garten wandelst, lerne den Glauben. Hier liegt ein Kirschkern oder ein Korn auf dem
Acker, da sieht man nicht auf den Samen, der gesät ist, sonst würde man ihn nicht aussäen.
Sondern das Herz ist davon bewegt: ich will warten.
Nach einem halben Jahr wird das schönste Korn, Birne, Apfel kommen.
So wird ein Bauer aus seinem Acker eine solche Bibel machen, dass er das Evangelium auf dem
Acker läse‘. Und, glauben lernen ist ein Prozess, ein Werden, ein Wachsen.
Das ist so wie einen Baum betrachten.
Der Baum steht für die Sinnlichkeit des Glaubens. Er inspiriert und vertieft den Glauben, weckt mir
alle Sinne, die Einstellung zu Gott und das Leben aus Gottes Hand einzugewöhnen, die Schönheit
der Schöpfung wahrzunehmen.
Den Baum betrachten, von Ferne seine Gestalt im Ganzen wahrnehmen, andächtig stehen bleiben,
ihn umgehen, auf ihn zugehen, sein Rauschen hören, seine Rinde befühlen, seinen Stamm umarmen,
sich in seinen Schatten legen und durch das Blätterdach nach oben gucken, seine Früchte besehen
und kosten, seine Wunden wahrnehmen, sich in die Betrachtung eines seiner Blätter versenken,
ihn besingen oder malen, sich mit ihm vergleichen.
Glauben lernen, glauben - das ist also etwas sehr Lebendiges - das lehrt uns der Garten mit
seinen Bäumen und Früchten, einen Blick gewinnen für die göttliche Würde der Schöpfung.
Wir beginnen dann auch, über vieles zu staunen,
und eine tiefe Ehrfurcht vor Gott und dem Leben kann uns ergreifen.

Ich will noch an ein zweites Wort erinnern. Walter Kardinal Kasper, der langjährige
Ökumene-Minister des Papstes in Rom, hat einen Baum im Luthergarten in Wittenberg
gepflanzt und dabei dies gesagt:
Wer ein Bäumchen pflanzt, hat Hoffnung, braucht aber auch Geduld.
Das Bäumchen muss zum einen in die Tiefe wachsen und tiefe Wurzeln schlagen, damit es
widrigen Stürmen widerstehen kann. Auch wir müssen ad fontes und ad radices gehen.
Geistliche Ökumene tut uns Not in gemeinsamer Schriftlesung und gemeinsamem Gebet.
Das Bäumchen muss zum andern in die Höhe wachsen und sich himmelwärts zum Licht
ausstrecken. Wir können die Ökumene nicht =machen=, nicht organisieren oder gewaltsam
forcieren. Die Einheit ist ein Geschenk vom Heiligen Geist.
Von seiner Macht dürfen wir nicht gering denken, die Flinte nicht vorschnell ins Korn werfen
und die Hoffnung nicht vor der Zeit aufgeben. Der Geist Gottes, der das Werk der Einheit
begonnen hat, wird es auch zu Ende führen.
Eine Einheit, nicht wie wir sie wollen, sondern wie Er es will.
Schließlich muss das Bäumchen in die Breite wachsen, damit die Vögel des Himmels in seinen
Zweigen nisten können (vgl.Mt 13,32), das heißt damit alle Christen guten Willens unter ihm
in seinem Schatten Platz finden.
Wir müssen das Bild der Einheit in großer versöhnlicher Vielfalt zulassen, offen sein für alle
Menschen guten Willens und schon heute gemeinsam Zeugnis geben von Gott und seiner
Barmherzigkeit.
Die Einheit ist heute näher als vor 500 Jahren. Sie hat bereits begonnen.
Wir sind 2017 nicht mehr wie 1517 auf dem Weg der Trennung, sondern auf dem Weg der Einheit.
Wenn wir Mut und Geduld haben, werden wir am Ende nicht enttäuscht werden.
Wir werden uns die Augen reiben und dankbar staunen, was Gottes Geist, vielleicht ganz anders
als wir es uns ausgedacht haben zuwege gebracht hat.
In dieser ökumenischen Perspektive könnte 2017 für evangelische wie für katholische Christen
eine Chance sein. Wir sollten sie nützen.
Es täte beiden Kirchen gut, vielen Menschen, die darauf warten, und der Welt, die zumal heute
unser gemeinsames Zeugnis braucht.

Möge also diese Renette immer wieder viele, die hierher kommen oder hier vorübergehen,
daran erinnern: Glauben zu lernen und zu erzählen von Gott und seiner Barmherzigkeit.
In diesem Sinne übergebe ich den Apfelbaum.

Jürgen Otten, Amelungsborn





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